Biesenbrow (oder Kummerow?)

Der Name des Dorfes kommt aus dem Slawischen und bedeutet in etwa „Holunderbeerenufer“. Schon im Namen deutet sich die Lage am Ufer der Welse an, wenngleich das Flüsschen nicht unmittelbar durch den Ort fließt. Die slawischen Fischer, die einst den Ort gegründet hatten, sind im Laufe der Geschichte verschwunden und wohl durch die deutschen Siedler im Mittelalter verdrängt worden. Die alte Feldsteinkirche, um 1250 erbaut, ist das älteste Gebäu-de aus deutscher Zeit. Biesenbrow wird in alten Urkunden auch als Besitz einer Familie von Bismerow genannt. Im Laufe der Geschichte war das Dorf abwechselnd im pommerschen wie in brandenburgischem Besitz.
Das heute noch so genannte Zollende in Richtung Bahnhof Schönermark zeugt dem Namen nach noch von der ehe-maligen Grenzlage. Durch eine Salzquelle, die in alten Zeiten eine Goldgrube war, erlangte Biesenbrow wirtschaftliche Bedeutung, auch seine ertrag-reichen Äcker trugen zum wachsenden Wohlstand bei, der schließlich dazu führte, dass Biesenbrow mindestens vor dem 30jährigen Krieg das Stadtrecht besaß.
Es gab sogar eine zweite große Kirche an der Straße nach Günterberg, die Marienkirche, in deren Nähe ein Roland Standbild gestanden haben soll. Von ihr ist nichts mehr vorhanden, nur ab und zu werden beim Pflügen noch ein paar alte Ziegel ans Tageslicht gebracht. Als der Schwedter Markgraf seine Tochter Henriette mit dem Fürsten Leopold von Anhalt – Dessau verheiratete, gehörte das Dorf bis zum Jahr 1945 zum Besitz des anhaltinischen Fürstenhauses.
Davon legt noch ein Kirchenfenster in der Frauenhagener Kirche Zeugnis ab, weil Frauenhagen Tochtergemeinde von Biesenbrow war und unter anhaltinischem Einfluss stand, bevor die Greiffenberger und die Grafschaft von Redern endgültig Frauenhagen in Besitz nahm. Jedenfalls war Biesenbrow auch bis 1945 eine nicht unbedeutende Pfarre. Erst die sozialistischen Zeiten bewirkten deren Auflösung und die Angliederung an die Pfarrstelle Schönermark. Wohl 1945 schon ein Fehlgriff, denn zu den Schönermarkern waren die Beziehungen nicht so eng. Die Biesenbrower unterhielten stets gute Beziehungen nach Günterberg und Greiffenberg und, durch die kirchlichen Bindungen, auch nach Frauenhagen. War das Dorf schon immer recht bedeutend, so erlangte es letztlich sogar noch literarische und cineastische Berühmtheit durch den Schriftsteller Ehm Welk, oder eigentlich genauer Emil Gustav Welk, der ihm durch seine „Heiden von Kummerow“ ein literarisches Denkmal setzte. Welk, der 1884 in Biesenbrow geboren und getauft wurde, beschreibt auf humoristische Weise das Leben und die dörf-lichen und kirchlichen Verhältnisse der Biesenbrower Einwohner um die Jahrhundertwende. Sein Buch gelang-te als Feldpostausgabe in die Schützengräben des 2. Weltkrieges und wurde so in ganz Deutschland bekannt. Nach dem Krieg wurde es in einer deutsch-deutschen Kinoproduktion mit prominenten Schauspielern wie Theo Lingen und Paul Dahlke verfilmt und flimmert bis heute alljährlich über den Bildschirm beim rbb. In den Jahren 2017-2019 gab es ein Theaterprojekt des Theaters 89, ehemals ansässig in Berlin, jetzt in der Uckermark, mit Laiendarstellern und professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern, wobei der Ro-man Wort für Wort eingelesen und dann pantomimisch in einer eindrucksvollen playback-Aufführung nachgespielt wurde. Mehrere hundert Besucher verfolgten jeweils einen ganzen Tag und eine halbe Nacht lang die Aufführung an den Originalschauplätzen im Ort und außerhalb des Ortes. Die Biesenbrower schätzen ihren großen prominenten Sohn indessen immer noch nicht so richtig, weil er sie nach ihrem Empfinden in seinen Büchern nicht sehr vor-teilhaft darstellt. So ist das aber nun mal mit der Literatur. Sie ist Kunst und schriftstellerische Freiheit verfremdet eben auch gern, jedenfalls hat Welk seine blühende Fantasie spielen lassen, man darf um Gottes Willen bei ihm nichts wortwörtlich nehmen. Er hat ja auch nicht umsonst den Titel „Die Heiden von Kummerow“ gewählt, man sieht ihn förmlich aus seinen eigenen Worten schmunzeln.
Übrigens hatte auch er nicht viel für die Biesenbrower Nachkriegsbewohner übrig und wollte einmal sogar der LPG seinen Namen entziehen. Nur die Kinder lagen ihm am Herzen, die besuchte er ein einziges Mal in Biesenbrow und lud sie für eine ganze Woche zu sich nach Bad Doberan ein, wo er zuletzt wohnte und wo er auch be-graben liegt. Auf jeden Fall ist Biesenbrow, auch landschaftlich schön gelegen, ein Phänomen. Die Biesenbrower haben lange gegen die Eingemeindung nach Angermünde vergeblich gekämpft, nun müssen sie auch noch die kirchliche Anbindung dorthin akzeptieren. Wenn sie auch die Schönermarker nicht gerade lieben, wären sie doch wohl gern kirchlich bei ihnen geblieben. Aber die kleine Kirchengemeinde zählt eben nur noch zwischen 60 und 70 Mit-gliedern und hat so eigentlich kaum noch lange Aussicht auf Eigenständigkeit. Immerhin gibt es noch kirchliches Leben. Einmal im Monat trifft sich ein kleiner Frauenkreis abwechselnd mit dem Seniorenkaffee, zu dem auch die Männer ein-geladen sind.
Eine Biesenbrowerin singt auch im kleinen Schönermarker Singkreis. Wenn es Corona mal nicht mehr gibt, feiern die Biesenbrower auch wieder ihr traditionelles Brotfest im Sommer mit einem hochkarätigen Konzert der Uckermärkischen Musikwochen im Pro-gramm. Der Kulturverein lädt dann auch wieder alljährlich zur „Heidenwanderung“ nach Randemünde ein, wobei es Tradition war, dass der „Paster“ die Wanderer mit einem Gedicht und Trompetenklängen verabschiedet hat.
Vielleicht wird auch wieder der Ehm-Welk-Literaturpreis in der Biesenbrower Kirche verliehen, wie es in den letzten Jahren vor der Sanierung der Kirche gang und gäbe war. Dann werden auch die gemütlichen Gästezimmer im Pfarrhaus wieder genutzt werden können, die etwas zum Unterhalt der kostspieligen Gebäude beitragen.

Noch gehören nämlich Kirche, Schule, Pfarrhaus und der berühmte Gänsestall zum kirchlichen Ensemble.
Die beiden Ausstellungen in der grundsanierten Kirche und im Schulhaus zur Geschichte Biesenbrows und zum Erbe Ehm Welks werden dann hoffentlich auch wieder viele hundert Besucher im Jahr anziehen, so wie es vor der Coronazeit war. Wir hoffen sogar noch für dieses Jahr auch unsere Partner aus Kimpton in England wieder als Gäste bei uns zu haben. Auf dem Biesenbrower Friedhof begann damals die Partnerschaft, als Pfarrer Fichtmüller Valerie und Fred Philipps traf und man einander ins Herz geschlossen hatte, so dass es inzwischen viele segensreiche Begegnungen in Deutschland und in England gab. Auch das gehört ins Stammbuch von Biesenbrow, weil dort einmal alles begann.

Ihr Pfarrer Michael Heise